Anforderungsprofile für die Schlauchliner-Sanierung: Ein zentrales Instrument der Qualitätssicherung
Schwerpunktthema des 4. Deutschen Schlauchlinertages 2006

Jährlich viele hundert Kilometer Schlauchliner-Installation deutschlandweit machen die Qualitätssicherung zu einer Frage von nicht nur abwassertechnischer, sondern auch volkswirtschaftlicher Bedeutung. Angesichts eines Gesamtinvest, der Jahr für Jahr an eine Milliarde Euro heranreicht, ist ein nennenswerter Prozentsatz von Baumängeln ökonomisch eigentlich unvertretbar. Darin sind sich alle Beteiligten vom Netzbetreiber über den Systemhersteller bis zum installierenden Unternehmen zwar einig, angesichts chronischen Preisverfalls auf dem Sanierungsmarkt im allgemeinen und dem Schlauchlinermarkt im besonderen ist diese Aufgabe aber nicht ganz einfach zu lösen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach verbindlichen Anforderungsprofilen für den Einsatz von Schlauchlinern zur Kanalsanierung – und sie stellt sich nicht nur in der Praxis, sondern auch auf dem 4. Deutschen Schlauchlinertag, den die Technische Akademie Hannover 30.03.2006 in Nürnberg ausrichtet. Im Brennpunkt der Debatte stehen das längst „klassische“ Anforderungsprofil der Hamburger Stadtentwässerung und das seit 2003 im Markt etablierte
„Anforderungsprofil der Süddeutschen Kommunen.“

Für lange Zeit die wesentliche treibende Kraft bei der Entwicklung von Konzepten und Instrumenten der Qualitätssicherung war die Hamburger Stadtentwässerung (HHSE). Dies wird aus der Historie verständlich: Im ausgedehnten Hamburger Sielnetz wurden überhaupt erstmals auf -bzw. unter- deutschem Boden Schlauchliner in großem Umfang als Instrument der Kanalsanierung eingesetzt und entsprechende Erfahrungen gesammelt. Die Erfahrungen im Rahmen des Hamburger Sielsanierungsprogramms führten zu der Einsicht, das sich die gewünschte Qualität eben leider nicht in jedem Fall automatisch einstellt, sondern dass im komplexen Prozess von der Ausschreibung über die Bauvorbereitung bis zur Installation Fehler gemacht werden können, die zu suboptimalen Resultaten führen können. Zugleich wurde nirgendwo deutlicher und früher als in Hamburg das enorme technische und wirtschaftliche Potential für die Abwasserwirtschaft erkannt, das der Schlauchlining-Technologie bei sachgerechtem Einsatz und entsprechender Qualitätssicherung innewohnt. Folgerichtig entwickelte die HHSE bereits seit 1992 zwei Instrumente, die seither -mit gewissen Modifikationen- im Einsatz sind und bundesweit Vorbildcharakter haben: Das „Anforderungsprofil für Schlauchrelining-Verfahren“ und einen zweiteiligen „Qualitätssicherungsplan“.
Das Anforderungsprofil enthält neben grundsätzlichen Kriterien und Rahmenbedingungen zur Anwendbarkeit des Schlauchlining (insbesondere Schadensbilder) allgemeine Anforderungen an die Werkstoffe
(Schläuche und Harzsysteme), an das Installationsverfahren (Einziehen oder Reversieren mit Luft/Wasser) sowie an die Technik der Aushärtung des Schlauchs zum fertigen Liner (Heißwasser, Dampf, Licht- bzw. UV-Härtung). Außerdem werden die Mechanismen der Eigen- und Fremdüberwachung geregelt. Beondere Bedeutung in der Praxis haben die Festlegungen des Anforderungsprofils zur Standsicherheit des ausgehärteten Liners als dem -neben der Dichtheit- entscheidenden Kriterium für den Sanierungserfolg. In Hamburg zur Sielsanierung eingesetzte Liner müssen sich zuvor einem Zulassungsverfahren unterziehen.

Die Bedeutung statischer Aspekte kann nicht unterschätzt werden. An der Frage, wie die Standsicherheit von Linern grundsätzlich oder im Einzelfalle zu definieren, zu bemessen und nachzuweisen sei, scheiden sich bis heute die fachlichen „Geister“, die hinter unterschiedlichen Schlauchlinersystemen stehenden wirtschaftlichen Interessen und nicht zuletzt auch die aktuellen Anforderungsprofile für Schlauchliner. Auch die Existenz des DWA-Merkblattes M 143 Teil 2 hat de facto nicht verhindern können, dass Standsicherheitsfragen von der Ausschreibung bis zur Beurteilung des Sanierungsergebnisses in der Praxis ein chronischer Zankapfel sind. Nach wie vor sind die meisten Netzbetreiber, aber auch das Gros der Ingenieurbüros, mit den Feinheiten unterschiedlicher statischer Betrachtungs- und Berechnungsweisen überfordert. Das führt oft zu schwammigen Vorgaben in der Ausschreibung; dabei entstehende „Interpretationsspielräume“ führen oft bereits im Vergabeverfahren zu erheblichen Streitigkeiten und leider nicht selten auch zu desaströsen Sanierungsergebnissen, wenn das Ergebnis unklarer Vorgaben schließlich ungeeignete Bemessungen sind.

Wenngleich das Hamburger Anforderungprofil über die Jahre hinweg als erfolgreiches „Exportprodukt“ der HHSE vielerorts zum Maßstab des Umgangs mit dem Schlauchlining wurde, arbeitete auch 10 Jahre nach dessen Erstauflage die Mehrzahl der kommunalen Netzbetreiber noch auf keiner vergleichbaren Grundlage. Das Ergebnis war vor dem Hintergrund einer laufend wachsenden von Zahl Schlauchliner installierenden Unternehmen und ständig sinkender Preise eine kritische Qualitätsdiskussion. Diese nahm in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts deutlich an Schärfe zu.

Auch in einigen süddeutschen Kommunen machten die die Verantwortlichen in der Stadtentwässerung ihre Gedanken über diese Tendenzen: Heinlein [ 1 ] etwa berichtete aus Nürnberg über „leidvolle Erfahrungen“ mit mangelnder Ausführung und nachlässigem Baustellenmanagement: „Bei der Feststellung und Beseitigung von Mäneln kam es mitunter zu ... langandauernden Auseinandersetzungen mit den Auftragnehmern.“ Im Ergebnis stellte sich die Frage, „ob die Schlauchlinersanierung überhaupt ein technisch und wirtschaftlich geeignetes Sanierungsverfahren sei“. Eine Frage, die auch andere Netzbetreiber bewegte, wie sich im Rahmen des kommunalen Erfahrungsaustauschs bald herausstellte. Aus diesen Diskussionen entwickelte sich in der Folge ein Arbeitskreis einiger süddeutscher Großstädte, der Anfang 2004 erstmalig ein eigenes Anforderungsprofil an die Ausschreibung und Durchführung von Schlauchlinermaßnahmen entwickelte und publizierte.

Ausgehend von dem grundlegenden Defizit der VOB Teil C an einem eingeführten Regelwerk zur Ausschreibung von Schlauchlinermaßnahmen hat das Anforderungsprofil der AG Süddeutscher Kommunen das Ziel, objektive und nachvollziehbare Vergabeentscheidungen zu ermöglichen. Ausschreibung, Wertung, Vergabe und Bauausführung sollten auf eine -auch und gerade unter Wettbewerbsaspekten- rechtssichere und VOB-konforme Grundlage gestellt werden. Streitigkeiten um die Bewertung von Qualität sollen im Ansatz unterbunden und vor allem der Einbau minderwertiger Leistungen nachhaltig verhindert werden. Neben einem ausführlichen Anforderungsprofil für die Ausschreibung steht ein detailliertes Qualitätssicherungskonzept.

Fundamentale Forderungen an den Bieter bzw. sein Produkt sind eine vorhandene DIBT-Zulassung sowie eine Zulassung nach den Regeln des RAL-Güteschutzes, einschließlich Vorlage eines Güteschutz-Handbuches. In einer Ausschreibung nach dem Anforderungsprofil der Süddeutschen Kommunen sieht sich der Bieter mit einem sehr detaillierten Raster der gewünschten Materialqualität bzw. der zugelassenen Verfahrenstechnik konfrontiert. Insbesondere wird bei Angebotsabgabe eine Reihe vertiefender Nachweise abgefordert; die Beantwortung dieser Abfrage hat rechtsverbindlichen Charakter für das Vertragsverhältnis zwischen Ausftraggeber und -nehmer und ist Gegenstand der späteren Fremdüberwachung. Neben Angaben zur Verfahrensbezeichnung sowie zu Einbau-, Aufstellungs- und Aushärtetechnik werden Angaben bzw. Kenndaten abgefragt zu

– Harzen, Füllstoffen, Schlauchträgermaterial, Folien und Beschichtungen
– Füllstoff-Massen-Anteile des Liners, Dichte des gehärteten Liners, ggf. Glasgehalt
– Nachweise zu Abriebfestigkeit (Darmstädter Kipp- und Hamburger Spülversuch)
– Nachweise zur chemischen Widerstandsfähigkeit gegenüber kommunalem Abwasser

Im Bereich der statischen Anforderungen unterscheidet sich das Anforderungsprofil der Arbeitsgemeinschaft Süddeutscher Kommunen methodisch klar vom Profil der HHSE. Das Hamburger Anforderungsprofil basiert im Wesentlichen auf pauschalen Lastannahmen (3 m Wassersäule über Rohrscheitel), unabhängig von den örtlichen Verhältnissen, jedoch stets bei Altrohrzustand 2. Übersteigt die Rückstauebene diese Lastannahmen erkennbar, ist allerdings ein Kurzzeitnachweis mit Wasseraußendruck bis zur Rückstauebene zu führen. Für die in Hamburg in einem Zulassungsverfahren „akkreditierten“ Linersysteme ist nach wie vor ein statischer Nachweis im Einzelfall notwendig.

Das Anforderungsprofil der AG Süddeutscher Kommunen hingegen kennt acht unterschiedliche Lastfälle (gleichfalls stets für Altrohrzustand 2), für die definierte Ringsteifigkeiten gefordert werden. Diese werden für das jeweilige Linersystem aus vorab durchgeführten, vom Bieter abgefragten statischen Referenzrechnungen abgeleitet. Das bedeutet: Bei korrektem Ausfüllen der Verdingungsunterlagen durch den Bieter gilt der Standsicherheitsnachweis als automatisch erbracht, ohne dass noch einmal ein statischer Nachweis im Einzelfall erforderlich wäre. Das Abstellen auf die Ringsteifigkeit war (wie auch einige andere Aspekte des Anforderungsprofil der AG Süddeutscher Kommunen) Gegenstand intensiver Debatten in der Fachwelt. Inzwischen hat jedoch auch der Rohrsanierungsverband (RSV) die süddeutsche Anforderungsprofil offiziell als praktikable Vorgehensweise akzeptiert.
Darüber hinaus stellt das Anforderungsprofil der AG Süddeutscher Städte natürlich auch Anforderungen an
– die Baudurchführung des Schlauchlining-Vorgangs
– die Abnahme des Gewerks und die Bewertung der Baustelle

Erwähnenswert ist, dass über die Standardabnahmen hinaus eine Reihe labortechnisch zu prüfender Parameter kontrolliert und bei Nichteinhaltung konsequent mit Vergütungsabschlägen sanktioniert wird. Dies betrifft neben den statischen Kennwerten auch den Reststyrolgehalt, die Kriechneigung und die korrekte Harzrezeptur, die mit einer Spektralanalyse ermittelt wird. Außerdem wird das Verhältnis von Harz- und Füllstoffmaterial mit den Vorab-Angaben abgeglichen. Da jede Abweichung von den erklärten Eingangswerten also zu Vergütungsabzügen führt, ist penible Übereinstimmung mit dem tatsächlich installierten Material geboten.

Nach wie vor dürften jedoch bei der Mehrheit aller Netzbetreiber erhebliche Verständnisprobleme sowohl des einen als auch des anderen Modells herrschen. In der Praxis ist immer wieder festzustellen, dass auch Varianten
des einen oder anderen Vorgehens ausprobiert werden; das ist stets mit der Gefahr verbunden, denn Sinn der Regelungen zu verfehlen oder ihre Wirkung schlimmstenfalls gar ins Gegenteil zu kehren. Um hier ein vertieftes Verständnis zu schaffen, ist die vergleichende Darstellung und Diskussion der Anforderungsprofile sicher einer der wichtigsten unter den vielen Programmpunkten des 4. Deutschen Schlauchlinertages - und fast allein schon eine Reise nach Nürnberg wert.

[ 1 ] Heinlein, M.: Anforderungen an die Ausschreibung von Schlauchlinermaßnahmen, in: bi UmweltBau Sonderheft zum 3. Deutschen Schlauchlinertag 2004, Seite 53 ff.