Kanalsanierung durch Schlauchlining: Elf gute Gründe und eine wichtige Frage
Wie jüngst bekannt wurde, beabsichtigen die deutschen Städte und Gemeinden, im kommenden Jahr ihre Investitionen in die Sanierung der Abwasser-Infrastruktur um rund 10 Prozent zu erhöhen. Angesichts des akuten Handlungsbedarfs in schadhaften Abwasserrohren und -kanälen wird das Gros der Ausgaben Sanierungsmaßnahmen von Rohren zugute kommen. Wichtigstes Ziel der Netzbetreiber muss es sein, mit dem deutlich gesteigerten Invest eine technisch und wirtschaftlich optimale Wirkung zu erzielen. Schlauchlining-Verfahren bieten dafür beste Voraussetzungen. Dies zu verdeutlichen, ist eines der Ziele des 5. Deutschen Schlauchlinertages, der am 15. März 2007 in Kassel stattfindet. Es lassen sich mindestens elf gute Gründe für den verstärkten Einsatz von Schlauchlining-Technologie anführen. Allerdings stellt sich auch eine wichtige Frage, die von Herstellern, Dienstleistern und Auftraggebern in einer gemeinsamen Anstrengung gelöst werden muss.

465.000 Kilometer lang ist das System der öffentlichen Abwasser-Kanalisation. Davon sind rund 20 Prozent kurz- oder mittelfristig sanierungsbedürftig, also deutlich über 90.000 Kilometer. Was für Optionen bieten sich den Netzbetreibern, um den defekten Leitungsbestand wieder auf Vordermann zu bringen? Neben einer Erneuerung des schadhaften Rohrleitungen im klassischen Leitungsgrabenbau gibt es die Alternative einer Sanierung mit "grabenlose" Techniken: Einerseits die partielle, auf den Umfang des einzelnen Schadens beschränkte Reparatur sowie der Renovation ganzer Haltungen, wo punktuelle Maßnahmen aufgrund der Häufung von Defekten wirtschaftlich nicht sinnvoll erscheinen. Für beide Optionen sind in den letzten drei Jahrzehnten vielfältige technische Lösungen entwickelt worden. Dabei hat sich die Sanierung ganzer Haltungen durch Renovation mit Schlauchlining-Techniken seit vielen Jahren als die populärste grabenlose Sanierungstechnik im Sanierungsmarkt etabliert. Bis zu einer Milliarde Euro wurden in der Vergangenheit allein in Deutschland jährlich in Schlauchlinng-Sanierungen investiert.

Ein Indiz für die wachsende Popularität der Schlauchlining-Technologie ist nicht zuletzt die Resonanz auf den Deutschen Schlauchlinertag. Diese Leit-Veranstaltung der Sanierungsbranche findet, ausgerichtet von der Technischen Akademie Hannover, am 15. März 2007 in Kassel zum inzwischen 5. Male statt. In Kassel werden Systemanbieter, Kanalsanierer, Fachingenieure und Kanalnetz-Betreiber den aktuellen Stand der Technik und wichtige aktuelle Probleme rund ums Schlauchlining und die künftigen Entwicklung dieser Schlüsseltechnologie der Infrastruktur-Instandhaltung debattieren - teils durchaus kontrovers. Weitgehend unstrittig sind indes die folgenden elf guten Gründe, in der Kanalsanierung verstärkt Schlauchlining-Verfahren einzusetzen.

1. Schlauchlining saniert Leitungen und Rohre aller Nennweiten, Profiltypen und Werkstoffe

Die Technik der Auskleidung von Rohren und Leitungen durch "selbsthärtende Formmassen", wie Schlauchliner in strenger Terminologie heißen, zeichnet sich durch erheblich Flexibilität im physischen Sinne aus, die unmittelbar beispielloser Flexibilität hinsichtlich der Einsatzbereiche dieser Technologie führt. Es lassen sich nicht nur Kreis- und Eiprofile durch Schlauchliner sanieren; die ungehärteten Liner passen sich bei entsprechend bemessenem pneumatischem oder hydraulischem Installations-Innendruck praktisch jedem Querschnitt und Profiltyp bis hin zu Kasten- und Drachenprofilen formschlüssig an. Der Nennweitenbereich, der durch Schlauchliner sanierbar ist, reicht von Grundstücksentwässerungsleitungen DN 100 bis in den begehbaren Bereich. Dem Vernehmen nach sind in den USA bereits Kanäle bis zu DN 2700 durch Schlauchlining saniert worden. Da inzwischen praktisch keine Schlauchliner-Systeme mehr angeboten werden, die gezielt eine Verklebung des Liners mit dem Altrohr anstreben, ist ausnahmslos jeder Rohrwerkstoff per Schlauchliner sanierbar. Je nach Schlauchlining-Verfahrenstyp sind Längen bis zu mehreren Hundert Kanalmetern in einem Einbauvorgang zu bewältigen. Auch extreme Abwässer, etwa in Industriebetrieben, stellen kein ernsthaftes Anwendungshindernis dar, sondern erfordern nur die sachkundige Wahl von geeigneten Schlauchträger- und Harzsystemen.

2. Schlauchlining saniert ein breites Spektrum von Schadenbildern

Es gibt nur wenige Schadenbilder, die durch Schlauchlining nicht zumindest prinzipiell sanierbar sind. Sanieren lassen sich sowohl Muffenschäden, als auch Längs- und Querrisse bis hin zu Scherbenbildung und Fehlstellen sowie Rohrkorrosion. Durch Einbau eines Schlauchliners nicht veränder- und damit nicht sanierbar sind bereits eingetretene Lageveränderungen des Rohrs durch Bettungsschäden. Ob und bis zu welchem Ausmaß Brüche und Deformationen des Rohrs noch durch Schlauchlining sanierbar sind, bedarf der sachkundigen Beurteilung im Einzelfalle. Sachgerecht durchgeführtes Schlauchlining führt im Ergebnis sowohl zur Wasserdichtheit des Rohrs als auch zur Wiederherstellung der Standsicherheit bei.

3. Schlauchlining saniert "close fit" und erhält die Kapazität

Schlauchlining stellt eine formschlüssige, ringraumfreie Innenauskleidung des Altrohrs her. Deshalb kommt es dem Ziel einer "close fit"-Auskleidung so nah wie nur irgend möglich. Dadurch werden Nennweiten-Verluste minimiert und die hydraulische Kapazität des Altrohrs weitestgehend erhalten. Die optimierten Abflusseigenschaften der Liner führen oft dazu, dass die geringfügigen Querschnittsverringerungen völlig kompensiert werden.

4. Schlauchlining führt zu einem nachhaltigen Ergebnis

Mit einer Lebensdauer von mindestens 50 Jahren bei korrektem Einbau bietet Schlauchlining ein dauerhaftes Sanierungsergebnis. Diese Nachhaltigkeit einer Schlauchlining-Sanierung hat auch buchhalterische Konsequenzen. Schlauchlining-Sanierungen lassen sich über als Investitionen in den Gebührenhaushalt einstellen und müssen nicht, wie partielle Reparaturen, ad hoc aus dem jährlichen Etat finanziert werden.

5. Schlauchlining ist konkurrenzlos schnell

Vergleichen mit offenen Erneuerungsmaßnahmen, aber auch mit anderen Sanierungs-Alternativen, ist Schlauchlining ein konkurrenzlos schnelles Verfahren. Haltungen in nicht begehbaren Nennweiten lassen sich in ein bis maximal zwei Arbeitstagen sanieren. Für die Sanierung begehbarer Bauwerke wie etwa der Hamburger Klasse-Siele, durch Schlauchlining in zwei bis drei Arbeitstagen, gibt es inzwischen reichlich Referenzbeispiele. Doch nicht nur einzelne Haltungen sind sehr schnell sanierbar; mit Schlauchlining wurden in der Praxis schon oft sehr umfangreiche Sanierungsprojekte in ausgesprochen knapp bemessenen Zeitfenstern realisiert.

6. Schlauchlining als grabenlose Sanierung in Reinform senkt "social costs"

Da im Regelfalle nur der Zugang zum Kanal über Revisionsschächte an Anfang und Ende der Haltung erforderlich ist, verkörpert Schlauchlining das Prinzip und die Vorteile der grabenlosen Kanalsanierung quasi in Reinform. Es sind kein Erdaushub, kein Grabenverbau und keine Grundwasserabsenkungen notwendig. Desgleichen müssen keine Oberflächen wiederhergestellt werden. Mit der Schlauchlining-Sanierung können problematische Oberflächen und Bauwerke problemlos "unterfahren" werden. Dazu gehören Hochbauten auf der Kanaltrasse ebenso wie Verkehrswege aller Art, Dämme und Gewässer. Gerade in Dükern wird Schlauchlining immer wieder eingesetzt, weil es hier oft die einzige überhaupt praktikable Sanierungsoption ist. Neben diesen unmittelbaren bautechnischen Vorteilen grabenloser Bauweisen fällt ins Gewicht, dass Schlauchlining eine Reihe nicht finanziell fassbarer Folgeschäden herkömmlicher Erneuerungsmaßnahmen reduziert bzw. ganz vermeidet. Zu diesen "social costs", deren Bedeutung zunehmend stärker anerkannt wird, gehören vorrangig

- Wirtschaftliche Beeinträchtigungen des Einzelhandels durch langwierige Baumaßnahmen - Belästigungen der Anwohner durch baubedingten Schmutz und Lärm - Längerfristige Verkehrsbeeinträchtigungen - Schäden an Grünanlagen oder historischer Bausubstanz

7. Schlauchlining ist oft wirtschaftlicher als Neubau oder partielle Reparatur

Wenngleich sich tatsächliche Kostenvergleiche stets nur am konkreten Einzelfall anstellen lassen, so hat sich in der Praxis immer wieder heraus gestellt, dass Schlauchlining häufig deutlich kostengünstiger ist als eine offene Erneuerung in offener Bauweise. Eine entscheidende Rolle dabei spielen die bautechnischen Faktoren Erdaushub, Entsorgung kontaminierter Böden, Grabenverbau, Wasserhaltung, Grundwasser-Management und Wiederherstellung beeinträchtigter Oberflächen und -nicht zuletzt- der Faktor Zeit. Einige der Baukosten sind unmittelbar zeitabhängig.

8. Schlauchlining bietet eine große technische Variantenvielfalt

In dreieinhalb Jahrzehnten Entwicklung hat sich die Familie der Schlauchlining-Verfahren zu einer enormen Vielfalt an technischen Varianten entwickelt. Diese unterscheiden sich insbesondere in den verwendeten Schlauchträger- und Harzwerkstoffen, den Installationsverfahren und den Aushärtungstechniken, in der Folge aber auch in den notwendigen Fahrzeug- und Geräteparks. Diese Variationsbreite führt dazu, dass die Schlauchlining-Technologie eine zunehmende Breite von Anwendungsfällen abzudecken vermag. Aus dieser Vielfalt die richtige Wahl im Einzelfall zu treffen, setzt allerdings von Jahr zu Jahr mehr fachliche Expertise voraus.

9. Schlauchlining ist eine Technologie mit sehr viel Praxiserfahrung

Allein in Deutschland sind in den vergangenen 30 Jahren einige Zehntausend Kilometer Kanäle unterschiedlicher Nennweiten durch Schlauchlining saniert worden. So wurden allein in Hamburg rund ... Kilometer Schlauchliner vor allem in begehbaren Klasse-Sielen installiert. Daraus resultiert ein erheblicher Erfahrungsschatz, der nicht nur zu Weiterentwicklung und Optimierung der Schlauchlining-Technologie beigetragen hat, sondern auch zu ihrer Anwendungssicherheit und zu einem nachhaltigen, dauerhaften Sanierungsergebnis.

10. Schlauchlining belebt Wettbewerb und Innovation

Die bereits erwähnte Vielfalt belebt den Wettbewerb, und dies nicht nur in technologischer Hinsicht. Mit der Verfahrensbreite ist auch die Zahl der Anbieter auf dem Markt gewachsen. Insgesamt hat der Vormarsch der Schlauchlining-Technologie auf dem gesamten Sanierungsmarkt auch einen erheblichen Innovationsdruck erzeugt, der den Netzbetreibern technisch und wirtschaftlich zugute kommt.

11. Schlauchlining findet auf der Basis eines hoch entwickelten Qualitätsmanagements statt

Die rasante Verbreitung der Schlauchlining-Technik und die damit verbundenen, natürlich nicht ausschließlich positiven Erfahrungen haben dazu geführt, dass es zum Schlauchlining ein sehr umfangreiches technisches Regelwerk und ein Qualitäts-Management auf inzwischen sehr hohem Niveau gibt. Die Qualitätssicherungs-Maßnahmen und -Systeme zur Schlauchlining-Sanierung, so etwa die Entwicklung von Anforderungsprofilen zum Schlauchlining, waren immer wieder ein Themenschwerpunkt des Deutschen Schlauchliner-Tages und werden es auch 2007 in Kassel wieder sein.

Wie läßt sich Qualität mit Preiswettbewerb dauerhaft vereinbaren?

So viele gute Gründe sich auch heute für den Einsatz von Schlauchlining-Technik in der Kanalsanierung anführen lassen - es sind auch kritische Frage zu beantworten. Deren wichtigste gilt der Frage der nachhaltigen Sicherung von Qualität. Ein Schlauchliner ist ein komplexes Bauwerk, das "in situ" unter wechselnden, zum Teil gar nicht kontrollierbaren Rahmenbedingungen (z.B. Witterungsbedingungen) hergestellt wird. Eine Qualitätskontrolle wie bei einem industriell gefertigten Massenprodukt ist daher prinzipiell nicht bzw. nur eingeschränkt möglich. Dennoch hat man inzwischen bei dem Bestreben, sich diesen Standards anzunähern, beachtliche Erfolge erzielt. Anwendungshandbücher und allgemeine bautechnische Zulassungen für die Verfahren, Güteschutz-Systeme für die Unternehmen, sowie Anforderungsprofile seitens der Auftraggeber, die nicht zuletzt eine intensive Fremdüberwachung vorsehen, haben inzwischen ein sehr hohes Niveau des Qualitäts-Managements in der Schlauchlining-Sanierung etabliert. Dieses war allerdings die notwendige Antwort auf erkennbare und leider teilweise noch anhaltende Fehlentwicklungen im boomenden Schlauchlining-Markt der vergangenen Jahre. Da die vorhandenen Systeme grundsätzlich alle geeignet sind, qualitativ hochwertige und dauerhafte Ergebnisse zu produzieren, stellt sich die Frage, warum dies in Einzelfällen doch nicht geschieht. Läßt man die Fälle beiseite, in denen für den konkreten Fall das falsche Verfahren gewählt, also schlicht falsch geplant wurde, gelangt man zum Schluss jeder Diskussion meist an den zentralen Konflikt zwischen Niedrigpreisen und Qualität. Der Sinn des institutionalisierten Bieterwettbewerbs sind günstige Preise für den Kunden. In dem extremen Preiskampf der letzten Jahre, der viele Unternehmen des Schlauchlining-Marktes an existentielle Grenzen geführt hat, ist ein ums andere Mal offensichtlich die Qualität unter die Räder geraten. Warum das so ist und wie sich Qualität im scharfen Preiswettbewerb sicher stellen läßt, ist eine, wenn nicht sogar die Schlüsselfrage schlechthin für die Zukunft des Schlauchlining. Dies ist zugleich ein wiederkehrendes Schwerpunktthema der Diskussionen auf dem Deutschen Schlauchlinertag - auch im Jahre 2007. Der deutsche Schlauchlinertag hat als kritisches Fachforum schon in der Vergangenheit wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Qualitätsdenkens und seiner Umsetzung geliefert. Dies und die Möglichkeit, sich auf der begleitenden Fachausstellung einen wirklich zeitnahen Überblick über den Stand der Technik zu verschaffen, liefert neben den guten Gründen für das Schlauchlining ebenso gute Gründe für den Besuchs des 5. Deutschen Schlauchlinertags in Kassel.