Schlauchlining: Schnelle und wirtschaftliche Kanalsanierungslösung für schwierige Problemstellungen
Seit über 30 Jahren sind Schlauchlining-Verfahren in der Kanalsanierung weltweit im Einsatz. Insbesondere in Deutschland sind sie aus dem Instrumentenkoffer des Sanierungsplaners nicht mehr weg zu denken. Das liegt daran, dass diese grabenlose Technologie-Familie mit ihrer inzwischen erreichten Angebotsvielfalt eine Reihe von Vorzügen bietet, die in der Praxis von zunehmender Bedeutung sind. Inzwischen beginnen sich Schlauchlining-Techniken nicht nur im öffentlichen Leitungsbestand zu etablieren, sondern erweisen sich auch bei der Sanierung von privaten Entwässerungssystemen als oft letzte Möglichkeit, umfangreiche und kostspielige offene Baumaßnahmen zu vermeiden. Der 3. Deutsche Schlauchlinertag, den die Technische Akademie Hannover am 17.03.2005 in Oberhausen ausrichtet, vermittelt deshalb nicht nur einen zeitnahen Überblick über den Stand der Schlauchlinertechnik im öffentlichen Bereich. Erstmals wird Schlauchlining auch als Option für den riesigen Sanierungbedarf im privaten Leitungsbestand zum Konferenzthema.

Rund 15 Prozent der öffentlichen Kanalisationsnetze bundesweit gelten als defekt: umgerechnet rund 80.000 Kilometer Leitungen, die in den kommenden Jahren saniert werden müssen. Angesichts der notwendigen Investitionen und leerer öffentlichen Kassen sind die Netzbetreiber verständlicherweise bestrebt, die anstehenden Aufgaben mit minimalen Kosten zu erledigen. Wo immer es technisch möglich und vertretbar ist, wenden sie sich deshalb grabenlosen Bautechniken zu, denn die Erneuerung im offenen Rohrgraben ist fast immer die Alternative mit dem höchsten ad-hoc-Investitionsbedarf. Das liegt nicht nur an der regelmäßig längeren Bauzeit der offenen Erneuerung. Wo auf den Bagger verzichtet wird, und das gilt beim Schlauchlining in fast ausnahmslos, entfallen kostentreibende Nebenwirkungen wie voluminöser Erdaushub (der sonst nicht selten als Sonderabfall zu entsorgen wäre) und vor allem die Wiederherstellung von Oberflächen. Wo Straßenerneuerungen nicht ohnehin anstehen, bringt jeder offene Kanalneubau einen unvermeidlichen Wertverlust der Verkehrsflächen mit sich - auch bei sachgerechter Durchführung.

Dresden: Bis heute 32 Kilometer Schlauchlining

Hinzu kommen jene Fälle, in denen offene Lösungen durch Aufgabenstellung und Randbedingungen schon von vorn herein ausgeschlossen sind. Ein klassisches Beispiel sind Dükerleitungen. Der von Insituform Rohrtechnik 199? sanierte Elbdüker in Dresden-Kaditz war mit 328 Metern sanierter Gesamtlänge DN 1150 nicht nur jahrelang "Weltrekordhalter", sondern demonstrierte idealtypisch wesentliche Vorzüge des Schlauchlining. Die in Dükern naturgemäß anzutreffenden Bögen etwa sind durch nichts anderes als einen Liner grabenlos sanierbar. In Dresden hat der damalige Erfolg maßgeblich mit dazu geführt, dass sich die Schlauchlining-Technologie fest in den Sanierungsplanungen der Dresdener Stadtentwässerung etablierte: Rund 32 Kilometer Abwasserleitungen wurden bis dato per Liner für einige weitere Betriebsjahrzehnte fit gemacht, wobei unterschiedliche Systemvarianten und bauausführende Unternehmen zum Zuge kamen.

Zwar stehen Schlauchliningtechniken im No-Dig-Sanierungsmarkt keineswegs ohne Wettbewerb da, doch unter den grabenlosen Sanierungs- und Erneuerungsverfahren haben sie sich, gemessen an der Verlegeleistung, zum Spitzenreiter entwickelt. Rund 800 Kanalkilometer unterschiedlichster Nennweiten und Profile werden jährlich bundesweit mit Linern ausgekleidet. Solche Popularität hat neben vergleichsweise geringen Meterkosten verschiedene, durchaus nachvollziehbare Gründe. Dazu gehören verschwindend geringe "social costs" von Schlauchlining-Projekten: wenig Lärm, kein Schmutz, und Platz sparende Baustelleneinrichtungen, die im öffentlichen Raum oft kaum noch wahrnehmbar sind. Ein sehr wichtiges, tendenziell noch unterschätztes pro-Schlauchlining-Argument ist der Faktor Zeit. "Time is money" - das gilt auch bei Bau- und Sanierungsmaßnahmen im öffentlichen Raum. Und das nicht nur aus dem banalen -wenngleich wichtigen- Grund, dass Equipment und Personal natürlich um so weniger kosten, je schneller eine Baumaßnahme beendet ist. Immer öfter gibt ein durch die Situation vorgegebener oder vom Auftraggeber eng definierter Zeitrahmen den Ausschlag bei der Entscheidung für einen Schlauchliner. Zugleich nimmt die Projektgröße tendenziell zu. Einzelmaßnahmen von 40 oder 50 Metern Länge treten in der Praxis zurück gegenüber größeren Gewerken, bei denen es manchmal gleich um mehrere Kilometer defekter Kanäle geht. Je komplexer die zugrunde liegende Planung, desto wichtiger werden jedoch zwangsläufig "Raum und Zeit" - vor allem im Kern von Großstädten, wo beides Mangelware ist.

Sielsanierung in Hamburg: Möglichst mehrere Haltungen "auf einen Streich"

Die Stadt Hansestadt Hamburg läßt im Rahmen ihres Sielsanierungsprogramms seit Jahren begehbare "Klasse-Siele" in der Innenstadt durch Schlauchliner auskleiden; diese Maßnahmen finden fast ausnahmslos unter extremen Verkehrsverhältnissen statt und sind mit heißwasserhärtenden Synthesefilzlinern (z.B. durch Insituform, KMG Rohrtechnik; PRS Rohrsanierung, Hans Brochier) und lichthärtenden GFK-Linern (z.B. BRANDENBURGER) realisiert worden. Drei Standardvorgaben stecken in Hamburg den Rahmen für die "typische" Siel-Schlauchlinermaßnahme ab: So schnell wie möglich, so unauffällig wie möglich und so weit wie möglich nachts. Wobei letzteres überhaupt nur machbar ist, weil Schlauchlining eine schon von Natur aus relativ geräuschlose Technik ist. Dabei hat sich in Hamburg eine gewisse Grundstrategie herausgebildet: Wo immer es geht, werden mit Linern größtmöglicher Länge mehrere Haltungen im Rahmen einer Installation saniert. So lassen sich ungünstig im Verkehrsraum gelegene Schächte gezielt überfahren.

Das Ergebnis solcher Strategie sind Installationen von Linern, die bis zu 300 Meter lang und mehr als 30 Tonnen schwer sind. Dass ein halber Kilometer begehbarer Kanal binnen vier Tagen mit zwei Schlauchlinern komplett saniert werden kann, setzt jedoch nicht nur technische Leistungsfähigkeit von System und Anwender voraus, sondern auch höchste projektorganisatorische Kompetenz. Ein Musterbeispiel hierfür war die Sanierung des Hauptkanalnetzes im Kölner Severinsviertel im Jahre 2002, in diesem Falle mit GFK-Linern des Typs SAERTEX®-S. Kreisprofile von DN 250 bis DN 650 sowie Eiprofile bis DN 400/600, insgesamt rund 1,9 Kilometer, Innenstadtviertel mußte in extrem knapp bemessenen Zeitfenstern gearbeitet werden, vor allem um die Unterbrechungen des Entwässerungsbetriebes der Geschäftsgrundstücke auf das unvermeidliche Minimum zu reduzieren, das bei 6 bis 8 Stunden lag. Jeden Tag wurden mindestens zwei Liner installiert und auch hier häufig über mehrere Haltungen hinweg. Ganz ähnlich die Aufgabenstellung 2004 im hessischen Mörfelden-Waldorf. Dort sanierte die Diringer & Scheidel Rohrsanierung GmbH & Co.KG binnen 10 Tagen 2.800 Meter Kanäle mit dem DS City-Liner-System. Hierbei wurden maßgefertigte Nadelfilzschläuche vor Ort mit einer Harzmischung getränkt, hydraulisch reversiert und schließlich durch Heißwasser ausgehärtet. Unter organisatorischen Aspekten sehr bemerkenswert: 28 Einzelinstallationen in Nennweiten bis DN 400 wurden von einer einzigen Sanierungsanlage bewältigt. Ein Beispiel für die gelunge Kombination von großen Nennweiten, großen Sanierungsstrecken und schneller Projektabwicklung war 2004 das Projekt Schloßstraße in Freudenberg. Ein durch Risse beschädigter zentraler Abwasserkanal wurde in sechs Haltungen von zusammen ca. 300 Metern Länge innerhalb von nur 3 Tagen saniert. Zum Einsatz kam der mit einem Querschnitt von DN 1000 größte lichthärtende Brandenburger Schlauchliner.

"Sanierungsteufel" steckt oft im Detail

Nicht nur Ballungskerne und große Kanäle bringen für den Planer erhebliche technische und organisatorische Herausforderungen mit sich. Der "Sanierungsteufel" steckt oft auch im Detail. Extreme topografische Verhältnisse und enge, auf die Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr ausgerichtete Siedlungsstrukturen können für Baumaßnahmen auch in kleinen Leitungen erhebliche Probleme darstellen - vor allem, wenn beides kombiniert auftritt. Solche Situationen sind eine Domäne lichthärtender Schlauchlining-Verfahren, denen in diesen Fällen ein sehr geringes und hoch mobiles Baustellen-Equipment -ohne Heizaggregate- und ihre besonders schnelle Bauabwicklung zum Vorteil gereicht. Ein repräsentatives Beispiel war eine 2004 durchgeführte Sanierungsmaßnahme in Essen-Schonnebeck, bei der nur einen Meter breite Fußwege zur Verfügung standen; hier wurden binnen neun Tagen neun Haltung der Nennweiten 250 und DN 300 durch Glasfaserliner im Lichthärteverfahren samt aller Nebenarbeiten installiert, ohne dass die Zugänglichkeit der angeschlossenenen Reihenhäuser beeinträchtigt worden wäre.

Bei der Sanierung von Abwasserleitungen im VW-Werk Wolfsburg durch R+S Rohrtechnik GmbH, Hannover, war in den Jahren 1998/99 die eingeschränkte Deckenhöhe der Untergeschosse unter den Werkshallen sowie der 24-stündige Produktionsbetrieb ein die Verfahrensauswahl limitierender Faktor. Hier kamen per Druckluft inversierte und durch UV-Licht gehärtete GFK-Liner des Inpipe-Systems zur Anwendung, wobei man das mobile Einbau-Equipment aus den Fahrzeugen entfernt und auf einen für diese Örtlichkeit konstruierten elektrischen Rollwagen aufsetzte. Im übrigen Bereich, wo es gleichfalls auf kürzestmögliche Einbauzeitfenster auf Grund der absoluten Priorität der Fahrzeugproduktion ankam, wurden im Einzugsverfahren eingebrachte lichthärtende GFK-Liner des Berolina-Liner-Systems der BKP Berolina GmbH eingesetzt.

Zukunftsmarkt für das Schlauchlining: Die Grundstücksentwässerung

Mit diesem Beispiel ist bereits die Brücke zum vermutlich größten Schlauchliner-Marktsegment der Zukunft geschlagen. Mindestens eine halbe Million Kilometer Hausanschlusskanäle und Grundstücksentwässerungsleitungen warten bundesweit auf Sanierung. Wenngleich ein erheblicher Teil der Probleme sinnvoll nur durch Neubau zu lösen ist, stellt doch der Schlauchliner eine wichtige und wirtschaftlich attraktive Option für einen Großteil dieser Fälle dar - insbesondere da, wo ein Neubau mit extremen Kosten oder unvertretbaren Eingriffen in die Bausubstanz verbunden ist. Entsprechende Linersysteme aus Synthesefilz (z.B. RS Technik AG), Polyestergewebe (Karl Otto Braun KG) oder Glasfaser (iMPREG GmbH) sind längst in breitem Angebotsspektrum vorhanden [ 1 ].

Vor allem die pneumatische Einbautechnik ermöglicht einen äußerst flexiblen Einsatz des Schlauchlining auf Grundstücken und gegebenenfalls auch im Gebäudeinneren. Die kunstharzgetränkten Schlauchliner werden dabei aus einer mobilen Drucktrommel wie etwa der "Liner Gun" von RS Technik, Grüningen/Schweiz, in die Leitungen "reversiert". Es wurden bereits komplette Gebäude von den Ablaufrohren der Dachterrasse über die Fallrohren bis hin zu den Grundleitungen komplett in Schlauchliningtechnik saniert. Die aktuelle Verfahrenstechnik ist in hohem Maße schmutzfrei und vor allem konkurrenzlos schnell. Binnen eines halben Arbeitstages, lassen sich ein Hausanschlusskanal oder auch der Hauptstrang eines Grundleitungsnetzes im Regelfall komplett per Schlauchlining sanieren - immer vorausgesetzt, die Zugänglichkeit zur Leitung ist gegeben und das Schadensbild läßt eine Schlauchauskleidung grundsätzlich zu. Hinzu kommt, dass der Schlauchliner vielfach die kostengünstigere Alternative im Vergleich zur offenen Erneuerung ist.

Weitere technische Fortschritte gefragt

Allerdings müssen manche Details künftig noch besser gelöst werden als bislang. Dazu gehört -insbesondere im Bereich unter Grundplatte und Kellersohle- die Frage der seitlichen Anschlüsse im privaten Abwassernetz, die nach Schlauchlining-Sanierung wieder zu öffnen sind. Auch den vorhandenen miniaturisierten Fräswerkzeugen sind bislang Grenzen gesetzt, vor allem durch Bögen, die sie vor Erreichen des Einsatzortes überwinden müssen. Deshalb beschränkt man sich in der Praxis häufig auf eine Schlauchlining-Auskleidung bis zum ersten Anschluß. Fortschritte in dieser Frage dringend gefragt, um den Schlauchliner buchstäblich weiter unter die Bodenplatte voranzutreiben.

Trotz positiver Marktperspektiven sieht sich Branche sich natürlich auch Herausforderungen gegenüber. Dazu zählt insbesondere die aktuelle Diskussion um die Qualitätssicherung. Die Bedeutung qualitätssichernde Maßnahmen wird vor allem auf den Grundstücken an Bedeutung gewinnen. Je mehr Klein- und Kleinstunternehmen in diesen Markt einsteigen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter auch Neueinsteiger ohne Erfahrungen mit solcher Technik sind und angesichts der potentiell riesigen Marktvolumina wird dies letztendlich praktisch kaum vermeidbar sein. Hier Mindeststandards für Bauausführung und -ergebnis zu formulieren und diese in der Praxis auch erfolgreich durchzusetzen, wird eine Hauptaufgabe der Schlauchlining-Branche sein.

Literatur: [ 1 ] Kanalsanierungs-Marktübersicht Schlauchlining-Systemanbieter, in WWT Wasserwirtschaft Wassertechnik 7/8 2004, Seite 16 ff.