Kanalsanierung: Wie entsteht Qualität beim Schlauchlining?
Seit vor rund 30 Jahren der erste Abwasserkanal durch einen Schlauchliner ausgekleidet wurde, hat dieses Verfahren zur Kanalsanierung weltweit Verbreitung gefunden. Wirtschaftlichkeit, Schnelligkeit und bemerkenswerte Flexibilität nicht nur bei der Installation, sondern schon bei der Bandbreite der sanierbaren Defekte - das sind die maßgeblichen Vorteile des Schlauchlining, das inzwischen zum Inbegriff grabenloser Sanierung wurde. Doch die in langjähriger Praxis gesammelten Erfahrungen sind auch beim Schlauchlining nicht nur positiv. Untersuchungen an installierten Linern und Erfahrungen von Netzbetreibern haben zu der Einsicht geführt, dass Produktqualität sich auch beim Schlauchlining nicht automatisch einstellt. Auf Qualität muss man von der Planung über die Produktauswahl bis zu Einbau und Bauabnahme systematisch hinwirken. Folgerichtig ist der Weg zum hochwertigen Schlauchliner ein zentrales Thema auch auf dem 2. Deutschen Schlauchlinertag, der am 18. März 2004 im Congreß Centrum Würzburg stattfindet.

Schlauchlining: Inbegriff für „grabenlose“ Kanalsanierung

Jahrelang war die Stimmung in der Branche fast euphorisch. Schlauchlining galt –und gilt- seit den 80er Jahren als Verfahren, mit dem sich defekte Kanalnetze in großem Stil und ohne Erdarbeiten schnell, ökonomisch und mit jahrzehntelanger Wirkung renovieren lassen. Diese klassischen Vorteile des Verfahrens, mit dem Kanäle aller Dimensionen und unterschiedlichster Geometrie bei minimaler Reduzierung der Nennweiten ausgekleidet werden, sind weitgehend unstrittig. Gegenstand von Diskussionen war aber von Anfang an die Frage der Haltbarkeit von Schlauchlinern. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Lebensdauer eine zentrale Größe für die kalkulatorische Abschreibung der Sanierungsmaßnahmen und damit für die Finanzierung der Sanierungskonzepte ist.

Systematische Untersuchungen, etwa die des IKT-Instituts für Unterirdische Infrastruktur, Gelsenkirchen, an Linern nach mehrjährigem Betrieb, haben die Aufmerksamkeit geschärft. Es stellte sich heraus, dass Schlauchliner weit überwiegend zwar in funktionstüchtigem, aber eben nicht in durchgängig mängelfreiem Zustand waren. Mängel waren jedoch kaum auf Betriebseinwirkungen zurück zu führen, sondern primär eine Folge von Material- oder Installationsfehlern. Ein Befund, der mit dazu beitrug, eine intensive, andauernde Qualitätsdiskussion auszulösen. In ihrem Zentrum stehen zwei Fragen:

1. Welche Einflüsse führen zu Qualitätsmängeln und schlimmstenfalls zum Scheitern eines Schlauchlining? und
2. Was kann und was muss von wem getan werden, um jederzeit Qualität beim Schlauchlining sicherzustellen?

Einflussgrößen, die Qualität in Frage stellen

Wenn man den Lebenszyklus eines Schlauchliners analysiert, stellt man fest, dass praktisch in allen Phasen von der Sanierungskonzeption über die Planung bis hin zum Einbau Fehler gemacht werden können, die sich negativ auf das Endprodukt auswirken. Die vielfach herrschende Auffassung, Mängel seien einzig eine Frage der Bauphase, ist eindeutig verkürzt.

Vorab ist aber ein Blick auf die sich wandelnden Rahmenbedingungen der Sanierung im Allgemeinen und des Schlauchlinings im Besonderen zu werfen:

- die Zahl der Materialvarianten hat sich über die Jahre hinweg ebenso erweitert wie die der Installations- und Aushärtungsverfahren; dabei handelt es sich teils um Neuerungen, teils um die Optimierung vorhandener Systeme

- das extrem erweiterte Spektrum von Varianten in material- und installationstechnischer Hinsicht fordert dem Planer und Netzbetreiber heute erheblich mehr an differenziertem Fachwissen ab als zu Beginn des Schlauchlining-Booms; der Eindruck, dass es hier bereits vielfach zur Überforderung kommt, ist kaum zu unterdrücken

- wurden Schlauchliner zu Beginn nur durch eine Hand voll spezialisierter Unternehmen eingebaut, so hat sich die Zahl der Bieter seither zunehmend erweitert. Seit Jahren herrscht nicht nur technisch, sondern auch preislich heftiger Wettbewerb, oft hart an und häufig auch unter der Grenze der Auskömmlichkeit

- es hat sich in den letzten Jahren durchaus bei etlichen Netzbetreibern ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein entwickelt, das andererseits aber häufig verbunden ist mit mangelnder Bereitschaft, für Mehrqualität auch mehr zu investieren

Die zunehmende technische Komplexität des Marktes, verbunden mit dem Paradox, dass für zunehmend weniger Vergütung zunehmend mehr Leistung von den Beteiligten, insbesondere den ausführenden Unternehmen, verlangt wird: eine ausgesprochen schwierige Ausgangsposition, um das Endziel nachhaltiger Qualität zu erreichen. Davon, dass es dennoch gelingt, diese Aufgabe in nächster Zeit zu lösen, hängt die Zukunft des Schlauchlining und der grabenlosen Kanalsanierung im Allgemeinen maßgeblich ab.

Der Deutsche Schlauchlinertag versteht sich als durchaus kritisches Forum der Branche. Die Unternehmen, die ihn als Sponsoren finanziell unterstützen, wollen damit eine Plattform schaffen, um die längst unverzichtbare Rolle des Schlauchlining weiter auszubauen. Dem dient nicht nur, dass man die beachtlichen Erfolge und Einsatzmöglichkeiten dieses Verfahrens aufzeigt. Themenschwerpunkt speziell des 2. Deutschen Schlauchlinertages 2004 in Würzburg ist es auch, Wissen darüber zu sammeln und zu verbreiten, wie man mögliche Qualitätsrisiken im gegenseitigen Interesse von Netzbetreibern und Schlauchlining-Anbietern frühzeitig und wirksam ausschließt.

Der Planer in zentraler Verantwortung

Ein besonderes Maß an Verantwortung tragen dabei die Planer, die bei den Netzbetreibern oder für diese tätig sind. Sie sind für zwei frühe Entscheidungen zuständig, bei denen fatale Fehler gemacht werden können: einerseits für die Frage, ob für eine bestimmte Schadenslage ein Schlauchlining überhaupt die richtige Antwort ist und zum anderen für die detaillierte Auswahl des geeigneten Verfahrens aus der Vielfalt der Möglichkeiten. Das zentrale Werkzeug des Planers ist im Weiteren die Ausschreibung. Gerade hier werden oft fatale Fehler gemacht. Der grundsätzlichste, oft aus Verunsicherung und mangelnder Sachkunde erwachsend, ist der, dass Ausschreibungen zu wenig konkret formuliert werden. Zu oft lassen Planer den Bietern Spielräume in grundsätzlichen Fragen, die mit konkreten Vorgaben zu füllen eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben des Planers ist. Technisch unspezifische Vorgaben zu Standsicherheitsparametern etwa können die Saat des Scheiterns noch vor der Vergabe legen. Und dass, wer zu „diffus" ausschreibt, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Gebote nicht sachkundig zu werten weiß, ist zumindest zu befürchten. Vieles, was in der Praxis als Baumangel abgebucht wird, würde bei kritischer Betrachtung eher in die Kategorie Planungs- und Ausschreibungsfehler gehören. Diese Zusammenhänge zu erkennen und besonderes Augenmerk auf die Qualifikation und Fortbildung der Planer zu legen, wäre ein entscheidender Schritt zu mehr Qualität. Fachverbände wie der Verband der Zertifizierten Sanierungsberater (VSB) leisten hier dankenswerte Arbeit.

Qualitätsmanagement von der Linerfertigung bis zur Abnahme

Sind Schlauchliner „richtig" ausgeschrieben und vergeben worden, stehen als Nächstes ihre Produktion und Konfektionierung an. Ganz allgemein muss hier vom Linerproduzenten und seinen Vorlieferanten ein zeitgemäßes betriebliches Qualitätsmanagement eingefordert werden. Ein zertifiziertes und überwachtes Qualitätsmanagement nach den Vorgaben der DIN EN ISO 9000er Reihe hat sich inzwischen als Standard etabliert.

Eine besondere Aufgabe ergibt sich aus gewandelten Vermarktungsstrukturen auf dem Schlauchlining-Markt. Standard war jahrelang das Unternehmen, das die von ihm installierten Liner selbst herstellte und meist auch entwickelt hatte. Materialkunde und Installations-Know-How lagen unmittelbar und in enger Rückkoppelung verbunden beieinander. Das Auftreten vieler weiterer in den Markt drängender, meist kleiner Dienstleister hat zu einer neuen Struktur geführt. Da diese oft die hohen Kosten für Produktentwicklung, Linerfertigung und Qualitätsmanagement nicht tragen können oder wollen, greifen sie auf die zunehmend am Markt angebotenen Komplettlösungen zurück, bei denen Vorprodukte wie Schlauchträger und Harz ebenso eingekauft werden können wie das zur Installation erforderliche Equipment. Der Kanalsanierer bringt bei diesem Modell nur noch Personal und Fachwissen ein, um die Produkte zum fertigen Schlauchliner weiterzuverarbeiten. Oder eben auch nicht - eine potenzielle Gefahr dieser Entwicklung liegt darin, dass einwandfreie, rundum qualitätsgeprüfte Produkte im „worst case" an unqualifizierte Anwender verkauft werden. Diese könnten dann, so eine in der Branche immer wieder geäußerte Sorge, Mängel produzieren und den Ruf des Schlauchlining im Ganzen gefährden.

Daraus resultieren zwei Aufgaben. Einerseits gilt es, alle im Markt agierenden Unternehmen scharfen Qualifikationskontrollen, etwa im Rahmen des Güteschutzsystems, auszusetzen. Auch müssen die Anbieter von Schlauchliner-Material und Equipment gewährleisten, dass ihre Verantwortung nicht mit dem Liefervorgang endet. Kunden mit Beratung, Unterstützung und gegebenenfalls auch mit Kontrollen durch den Bauvorgang zu begleiten, liegt in ihrem eigenen Interesse. Verantwortungsbewusste Systemanbieter haben diese Aufgabe bereits in aller Deutlichkeit erkannt und engagieren sich in der Praxis entsprechend.

Mittlerweile hat das Ringen der Branche um gesicherte Qualität auch seinen Niederschlag im technischen Regelwerk gefunden. So macht die neue DIN EN 13566 „Kunststoff-Rohrleitungssysteme für die Renovierung von erdverlegten drucklosen Abwasserleitungen" in Teil IV „Vor Ort härtendes Schlauchlining" klare Vorgaben zu Qualitätsanforderungen, denen Linersysteme nicht zuletzt in puncto Langzeithaltbarkeit zu genügen haben. Normgerechte Schlauchliner erfüllen damit zumindest materialseitig die in der Praxis wichtige Forderung nach einem mindestens 50jährigen Abschreibungszeitraum. Auch Fachverbände wie der Rohrsanierungsverband RSV haben das Thema Schlauchliner-Qualitätssicherung aufgegriffen; zuvorderst ist hier das RSV-Merkblatt 1 „Schlauchliner" zu nennen. Auch die Abwassertechnische Vereinigung ATV widmet sich dem Thema in einem eigenen Arbeitskreis. Es existieren somit durchaus tragfähige technisch normative Grundlagen, um –konsequente Umsetzung vorausgesetzt- Schlauchliner-Qualität sicher zu stellen.

Präsenz des Ingenieurs ist wichtig

Die Installation ist und bleibt aber letzten Endes die kritischste Phase auf dem Weg zum Qualitäts-Liner. Die Klippen, an denen das Arbeitsergebnis vor Ort zerschellen kann, sind vielfältig. Mangelhaft qualifiziertes und ausgerüstetes Personal sollte bei Anwendung der Güteschutz-Überwachung zwar nicht anzutreffen sein - zumindest theoretisch. Gegen demotiviertes Personal hilft allerdings auch kein Güteschutz mehr weiter, weswegen die Personalpolitik eine verdeckte, in ihrer Bedeutung sicher unterschätzte Einflussgröße von Sanierungserfolg und Qualität ist. Und natürlich steht auch auf der Baustelle der Ingenieur und Planer im Fokus. Wer in der Bauüberwachung zu wenig Präsenz zeigt, weil dies der geringer honorierte Teil der Ingenieurtätigkeit ist, der kann gerade bei schwierigen Randbedingungen schnell Mitverantwortung für desaströse Entwicklungen tragen.

Wie Bauqualität beim Schlauchlining effektiv durchzusetzen ist, demonstrieren große Industrieunternehmen eindrucksvoll. Wer sich hier um Sanierungsprojekte bewirbt, muss nicht nur die in Kommunen üblichen Nachweise der Eigen- und Fremdüberwachung erbringen, sondern sieht sich meist einem recht rigiden innerbetrieblichen Qualifikations- und Sicherheitsmanagement gegenüber. Neben den obligatorischen DIN EN ISO 9000-Zertifikaten liegt derzeit die Forderung nach Vorlage des SCC-Zertifikats im Trend. Damit muss sich der Dienstleister als auditierter und zertifizierter „Sicherheits-Certifikat-Contraktor" ausweisen. Zwar ist hier Qualität nicht das eigentliche Ziel, aber sie ist die fast zwangsläufige Nebenwirkung des optimierten Management- und Kommunikationsverhaltens aufseiten des Kontraktors. Ein weiterer Nebeneffekt für die Unternehmen ist, dass die Kosten für den Erwerb solcher Zertifikate in gewissem Umfang ausgeglichen werden können durch Effizienzsteigerung, Kostensenkungen im Betrieb und teils sogar Verbesserungen an Produkten und Verfahren.

Auftraggeber: Eigene Qualitätskonzepte sind gefragt

Fundament jedes Qualitätsmanagements sind und bleiben die labortechnischen Eigen- und Fremdkontrollen des Endproduktes „Schlauchliner“. Es gibt bundesweit mehrere qualifizierte Prüflabors, die parallel zu den Eigenkontrollen des ausführenden Unternehmens Parameter wie Standsicherheit und Dichtheit schnell und sicher prüfen können. Hier zu sparen bedeutet, sich vorsätzlich an der Qualität zu versündigen. Das gilt vor allem aus der Sicht des Auftraggebers – schließlich geht es um dessen eigene Sicherheit und langfristig funktionsfähige Infrastruktur. Aus der gleichen Einsicht heraus ist auch davor zu warnen, dass Auftraggeber ihre Qualitätssicherung darauf beschränken, eine Liste mit Gütezeichen und Zertifikaten „abzuhaken“. Das ist wichtig und notwendig, aber eben alleine nicht hinreichend. Sachkompetenz rund um Planung, Ausschreibung und Einbau von Schlauchlinern ist unverzichtbar und führt im Idealfall zu einem eigenen Konzept der Qualitätssicherung. Städte recht unterschiedlicher Größenordnung wie Hamburg oder Göttingen haben ausgefeilte Systeme entwickelt, die sich nicht nur dort bewähren, sondern zu einem rege nachgefragten Exportprodukt geworden sind. Wenngleich ein eigenes System des Qualitätsmanagements zweifellos Personaleinsatz und Kosten mit sich bringt, geht letztlich nichts an der Feststellung vorbei: Mehr Schlauchliner-Qualität ist wichtig und machbar, jedoch für keinen Beteiligten zum Nulltarif zu haben.


Autor: Dipl.-Ing. Ulrich Winkler